Tag #12 – von Ayutthaya nach Chiang Mai, eventuell in Bettwanzenbegleitung…

Eine Woche ist nun seit unserem Zusammentreffen mit den Bed Bugs, wie Bettwanzen im Englischen genannt werden, vergangen. In der Zwischenzeit ist natürlich viel passiert und wir leben seit ein paar Tagen in Chiang Mai im hohen Norden Thailands. Davon, wie wir die Bettwanzen bekämpfen und was wir in Chiang Mai erlebt haben, möchte ich heute berichten. [PS: Unser Text zu Tag 05 ist nun auch soweit vollständig]

Die Tragweite von einem Zusammentreffen mit Bettwanzen war mir vor Antritt der Reise bei Weitem nicht bewusst. Hier vorweg eine kleine Zusammenfassung unseres frisch erworbenen Wissens über Bettwanzen, denn es sind keine uninteressanten Lebewesen:

  • Bettwanzen, auch Plattwanzen genannt, leben schon seit Menschengedenken mit dem Mensch zusammen. Wahrscheinlich waren vor tausenden von Jahren Fledermäuse die ursprünglichen Wirte von diesen Wanzen. Da Menschen und Fledermäuse aber seit jeher gerne in Höhlen wohnen, haben sich sich die Wanzen auch auf den Menschen spezialisiert. Zusammen mit dem Mensch reisen die Wanzen nun durch die ganze Welt und kommen in so gut wie jedem Land vor.
  • Frisch aus dem Ei geschlüpft ist die junge Bettwanze hungrig auf Blut. Sie ist noch winzig klein (< 1mm) und wird in ihrem Leben 5 Entwicklungsstadien bis zu ihrem fortpflanzungsfähigen Erwachsenenstadium durchlaufen. Zwischen jedem Stadium findet eine Häutung statt, für welche die Wanze jeweils mindestens eine Blutmahlzeit benötigt, wie es so schön sachlich bei Wikipedia beschrieben steht.
  • Eine ausgewachsene Wanze ist einige Millimeter bis Fingernagelgröße groß und nachts um 11 Uhr unerwartet schauderhaft anzusehen.
  • Der Fortpflanzungsakt ist auch nicht witzig, das Männchen überfällt das Weibchen ohne vorherige Ankündigung und sticht das Weibchen mit einem stachelartigen Penis in einen mehr oder weniger dafür vorgesehenen Bereich auf ihrem Bauch durch die Außenhaut. Irgendwo dort in der Nähe ist dem Männchen aber auch recht und so kommt es auch nicht selten vor, daß das Weibchen, insbesondere nach mehrfacher Begattung, diesen Akt nicht überlebt oder aufgrund der Verletzungen zumindest mit einer stark verkürzten Lebenserwartung rechnen muß.
  • Eine Blutmahlzeit dauert bis zu 10 Minuten in denen die Wanze nicht gerne gestört wird. Darum hat sie in ihrem Saugrüssel ein Extraröhrchen, durch welches sie Betäubungsmittel und Gerinnungshemmer in die Bisswunde gibt, so daß das Opfer im besten Fall gar nicht merkt, was gerade abgeht.
  • Auf diese Stoffe reagieren wir und insbesondere Isa ziemlich allergisch, was sich durch riesige juckende und schmerzhafte Schwellungen bemerkbar macht.
  • Nach ihrer Mahlzeit verstecken sich die Wanzen wieder in allen möglichen Ritzen irgendwo in der Nähe des Bettes, in der Regel verbleiben sie nicht am Körper.
  • Bettwanzen können viele Wochen bis hin zu einem Jahr ohne Blut überleben und geduldig auf einen müden Wanderer warten.
  • Interessanterweise verströmen die Wanzen, wenn sie sich erfolgreich einem Opfer nähern, einen süsslichen Geruch, mit dem sie anderen Wanzen mitteilen, daß der Tisch gedeckt ist. Sollte die Wanze während ihrer Mahlzeit gestört werden (zum Beispiel Tod durch Zerquetschen), kann sie auch einen anderen Geruch verströmen, der die anderen Wanzen warnen und zur Vorsicht auffordern soll.
  • Bettwanzen aller Größen können sich problemlos auch durch enge Nähte in den Klamotten zwängen, so daß sie durch fast nichts aufzuhalten sind. Ich hätte das vorher nicht glauben wollen, aber die Viecher kamen zu allererst durch Isas geschlossenen Microfaserschlafsack von unten!!
  • Diese Wanzen sind lichtscheu, die letzten drei Stunden der Nacht habe ich damit verbracht, alle 5 Minuten mit meinem Handylicht wild ums Bett herum zu leuchten. Das hatte tatsächlich sehr geholfen, da ich in dieser Zeit nur noch eine Wanze zu Gesicht bekam.
  • Es steht geschrieben, daß sich zwar „selten, aber regelmäßig“ ein schwangeres Weibchen nicht zurückzieht, sondern in den Klamotten oder im Gepäck eines Wirtstieres verbleibt und mit diesem mitreist…

Nachdem wir das und noch viel mehr in einer recht schlaflosen Nacht im Slowtree Hostel über Wanzen gelernt hatten, wurde uns klar, daß wir handeln müssen. Schließlich mussten wir davon ausgehen, daß sich einige dieser Biester in unseren Klamotten und in unserem Gepäck eingenistet haben könnten.

Hostelwechsel

Das Slowtree Hostel haben wir gleich am nächsten Morgen mit vielen Beschwerden und Rückforderungen des bereits bezahlten Geldes bei unserem Host, der plötzlich fast gar kein Englisch mehr verstand, verlassen. Seltsamerweise hat das Hostel extrem gute Bewertungen bei google und booking und wir konnten nur eine einzige Bewertung finden, wo sich in der letzten Zeit noch jemand über Bettwanzen beschwert hat. Da wir in dieser Nacht aber förmlich überfallen wurden und nach und nach Dutzende dieser Wanzen in allen Größen von nahezu unsichtbar winzig bis furchteinflößend riesig in unser Bett krabbelten, gehen wir davon aus, daß in diesem Hostel leider eine bewusst-geduldete Anzucht und Verbreitung dieser Viecher stattfindet.

Wir haben uns dann für die kommende Nacht in das PK Hostel geflüchtet und dort unser Gepäck möglichst weit vom Bett weggestellt. Unsere Wäschebeutel mit den potentiell extrem besiedelten Schlafsäcken und Nachtklamotten haben wir gleich vor der Tür stehen gelassen. Den Betreibern unseres neuen Hostels haben wir natürlich auch nicht erzählt, wo wir herkommen und was unser Problem ist. Möglicherweise kommen wir zwar damit der Verbreitung der Bettwanzen entgegen, aber man stelle sich nur mal den Dialog mit den Hostelmenschen vor… In einer ähnlichen Situation befindet man sich, wenn man in einen Fahrstuhl einsteigt, in den kurz vorher jemand reingepupst hat und nun in einem weiteren Stockwerk noch andere Leute mit dazu einsteigen. Erklär denen mal, daß das nicht Du warst… (dieses Gleichnis habe ich frei nach Frau Brugger erzählt).

Man läuft also (u.U. zu recht) Gefahr, von den Hostelmenschen des Einschleusens von Parasiten bezichtigt zu werden und die Konsequenzen sind nur schwer abzusehen: Spontane Obdachlosigkeit, eine sofort zu bezahlende Rechnung undefinierter Höhe des noch zu bestellenden Kammerjägers und generell besteht die Gefahr (u.U. zu unrecht), daß die Hostelmenschen einen einfach nicht mehr mögen. Wer will das schon riskieren? Ich möchte aber auch von heute an kein Hostelbetreiber mehr werden…

Im PK Hostel konnten wir allerdings erstmal zur Ruhe kommen und uns einen Plan machen, wie es nun weitergehen soll. Isa drohte zudem noch krank zu werden und wir hatten die Nase von Ayutthaya recht voll. Wir beschlossen also gleich am nächsten Tag abends den Nachtbus zu nehmen und nach Chiang Mai durchzubrettern. Im PK Hostel und übrigens auch bis zur heutigen Nacht hatten wir keinerlei weitere Begegnungen mehr mit Wanzen. Toi toi toi…

Mit dem Plan jetzt direkt nach Chiang Mai zu fahren hatten wir in Ayutthaya allerdings auch keine Zeit mehr, uns intensiv um die Reinigung unseres Gepäcks zu kümmern. Zumindest aber die potenziell infizierten Wäschesäcke haben wir zur Reinigung gebracht, die das Zeug im Anschluss auch durch den Trockner gejagt haben. Da in Thailand aber nur kalt gewaschen wird, waren wir uns nicht sicher, ob das Trocknen im Trockner ausreichte. Mindestens über 50°C sind nötig, um die Biester und Eier zuverlässig loszuwerden. Wir haben die „saubere“ Wäsche anschließend zur Sicherheit extra eingetütet, falls unsere normalen Backpacks noch sauber sein sollten…
Während die Wäsche in der Reinigung war, haben wir versucht, den Tag noch so gut es ging zu genießen und haben uns auch noch einige der sehenswürdigen alten Ruinen der Stadt angesehen.

Schade eigentlich, daß wir nach diesem Schrecken Ayutthaya so schnell verlassen haben, es ist sicherlich eine sehr geschichtsträchtige Stadt, in der man noch viel mehr über die alte Thailändische Geschichte und Kultur hätte lernen können. Abends um 8 Uhr beginnt unser Aufbruch mit dem Nachtbus.

Der Nachtbus

Die Nachtbusverbindungen in Thailand sind eine großartige Sache, wir haben einen Bus gebucht, welcher der Klasse „super class“ entsprach. Das war die zweitgünstigste Option, die uns der Busticket-Vertreibende und auch sonst vielgeschäftige Betreiber des Baan Bussara Hostels in Ayutthaya verkauft hat. Wir haben für das Ticket bei ihm 765 Bath pro Nase (=20,60€) bezahlt, was auch den Schuttleservice zur Busstation an der Autobahn beinhaltete. Der Bus selber war extrem luxuriös, hatte weit umklappbare Sitze mit eingebauter Rückenmassagefunktion und Displays in den Vordersitzen. Ähnlich wie im Flugzeug gehörten kleinere Snacks und Getränke mit zum Service. Der Bus machte mitten in der Nacht irgendwo in der Pampa an einer Raststätte halt, wo man sich durch Vorzeigen des Bustickets eine warme Mahlzeit ausgeben lassen konnte. Ich hatte Angst, Isa aß mit Genuß 🙂

Morgens um etwa 6 Uhr kamen wir am Bushof in Chiang Mai an. Wir waren noch ziemlich müde und gerädert, aber wir haben es geschafft, uns in ein „Rót daang“ (wörtlich übersetzt: Roter Truck, eine Art großes rotes Sammel-Tuktuk) mit reinzuquetschen, welches uns schon einmal eine fast komplette Stadtrundfahrt im Dunkeln bescherte, bevor es uns irgendwann an unserem gebuchten B2 Green Hotel abgesetzt hat. Isa ist die beste Taxiverhandlungsfrau, die ich kenne, sie hat für uns unschlagbare 2×50 Bath rausgeschlagen. Die ganze Eile war übrigens umsonst, in unser Hotel konnten wir erst um 14 Uhr einchecken und da es ausgebucht war, gab es auch keine Möglichkeit early check-in zu machen.

Den Vormittag haben wir genutzt, um uns in einer Shopping-Mall mit neuen Klamotten für den uns bevorstehenden Kampf gegen die Bettwanzen zu rüsten. Hier haben wir auch unseren ersten tropischen Platzregen erlebt, glücklicherweise noch von der Hotellobby aus. Außerdem haben wir große und kleine schwarze Müllsäcke besorgt, was erstaunlicherweise gar nicht so einfach ist, da solche Dinge nicht unbedingt im Standardsortiment eines 7-Eleven zu finden sind. Wir haben schließlich große Müllsäcke in so einer Art Krims-Krams-Garagen-Shop gefunden, wo uns eine thailändische Tante Emma gerne ein Paket für eine handvoll Baht verkauft hat.

Regen…

Möge der Kampf beginnen

Nach dem Einchecken gehen wir hoch in unser neues und noch hoffentlich völlig Bed Bug freies Zimmer. Schnurstracks flitzen wir, möglichst ohne das Bett oder sonstwas zu berühren, in das Badezimmer, Rucksack und Kram in eine Ecke, Tür zu, Klamotten aus, Duschen, ab in die frischgekauften Klamotten, wir haben keine Angst vor Hipsterakne. Dann galt es mit Bedacht unsere Klamotten und Sachen Bed Bug frei zu bekommen. Gott sei Dank hatte unser Zimmer einen Wasserkocher und einen halbwegs dichten Mülleimer (‚Ein Loch ist im Eimer…‘). Das Loch haben wir mit Klebeband und Mülltüte versiegelt. Jetzt haben wir nach und nach Wäsche und Krempel aus dem Badezimmer geholt, in den Eimer gestopft und mit kochendem Wasser übergossen, bis der Eimer randvoll war. Sollten unsere Kleidungsstücke diese Prozedur nicht überleben, hätten sie eben nicht unsere Kleidungsstücke werden dürfen. Neues Wasser aufsetzen, den Eimer abschütten, abkühlen, auswringen und ab in die schwarze Tüte damit. Diese Sachen haben wir dann in mehreren Ettapen zu einer der öffentlich rumstehenden Waschmaschinen gebracht und nochmal gewaschen und anschließend im Trockner getrocknet. Ein großes Problem hier in Thailand für Menschen mit potentiellen Bettwanzen im Gepäck ist nämlich, daß sämtliche Waschmaschinen (wie bereits erwähnt) nur Kaltwäsche machen können. Es ist ja selbst im Winter tagsüber 30°C warm. Die Menschen hier schütteln nämlich nur verständnislos den Kopf und halten einen für offensichtlich grenzdebil, wenn man nach hot laundry oder sixty degree laundry fragt.

Aber so hatten wir zumindest erstmal wieder frische Wäsche, die wir mit gutem Gefühl anziehen konnten. Unsere Rucksäcke kamen erstmal in die großen schwarzen Müllsäcke, die wir oben zu geknotet haben. Alles, was wir noch nicht abgekocht hatten, musste erstmal im Bad bleiben. Am nächsten Tag entdeckte Isa, daß wir über die Fluchtwege hier im Hotel aufs Dach hochgehen konnten. Am ersten Tag, an dem die Sonne schien, sind wir mit unserem gesamten Krempel, den schwarzen Mülltüten und den Rucksäcken aufs Dach geschlichen und haben ALLES (also auch Laptop und Kameras) in die schwarze Müllsäcke gesteckt und diese in die Sonne gelegt. Mit der Elektronik hatten wir etwas Angst, so daß wir diese Sachen schon etwas früher herausgenommen haben. Alles andere durfte für knapp 3 Stunden in der Sonne im Sack brutzeln. Wir hatten eine schöne Aussicht dort oben und anschließend leichten Sonnenbrand im Nacken obwohl wir die meiste Zeit im Schatten saßen. Ab und zu haben wir die Säcke gewendet, um die potentiellen Wanzen von allen Seiten gleichmäßig zu rösten.

So weit so gut, wir fühlen uns seitdem wieder einigermaßen gestärkt und haben die Hoffnung, daß wir unsere Reise einigermaßen unbeschwert fortsetzen können. Übrigens: mit dieser Seuche nach Hause kommen, ist eigentlich überhaupt keine Option gewesen. Als Reisender wird man die Biester noch am leichtesten los.

In den kommenden Tagen gibt’s natürlich auch noch ein paar Fotos und Updates zu Chiang Mai selbst. Wir fühlen uns auf jeden Fall ziemlich wohl hier. Nächste Woche machen wir voraussichtlich eine einwöchige Moped-Rundtour über Pai und Mae Hong Son. Im Anschluß fliegen wir noch für eine Woche zu den Inseln im Süden und wohnen in einem Bambus-Häuschen. So weit unser grober Plan 🙂 Okee-Tschüüüs 😘😘😘

2 Antworten auf „Tag #12 – von Ayutthaya nach Chiang Mai, eventuell in Bettwanzenbegleitung…“

  1. Mir macht es riesigen Spaß euren Blog zu lesen! Du schreibst so klasse, das ich alles bildlich vor mir sehe und mit euch fühle. Super!!!

    Und, lieber Jonas, das mit den Bildern lernst du auch noch. Ich glaube fest an dich!!!

  2. Top! Viel Spaß im Norden. Auf Pai fahren alle total ab, ist sonen Hipster-Dorf, wo man gut in ner Hütte pennen kann und viel Natur hat. Und street market natürlich. Und Moped-fahrende Hunde gibt es da auch.

    Ich warne euch schonmal vor dem Weg dahin, der ging bei mir (im Minibus) über einen kleineren Berg mit vielen vielen vielen scharfen Kurven. Wobei der Fahrer vor jeder Kurve extra hupte, weil man keine Einsicht hat. Solltet ihr da tatsächlich selber fahren, passt gut auf! (:

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