JONAS! Willst Du umdrehen? – Ein Liebesbrief an den Yukon

Neben atemberaubend schönen Landschaften, die aufgrund ihres fesselnden Anblicks beim Hindurchfahren die Verkehrssicherheit beeinträchtigen, gibt es für uns im Yukon unfassbar viel zu entdecken. Es gibt Orte, die von Natives bewohnt werden und mit Ihrer Bemalung und den Totempfählen einen ganz eigenen ursprünglichen Charme versprühen, unzählige Museen und Gedenkstätten, welche über das indigene Leben der Natives aufklären und an die Geschichte der Kolonialisierung Kanadas erinnern, es gibt (völlig unerwarteterweise) eine Sandwüste mitten im Land, legendäre Goldgräberstätten und Ruinen und selbst heute leben dort noch liebenswürdigste GoldgräberInnen, die natürlich auf die ganz große Ader hoffen und eines Tages sicherlich/möglicherweise/vielleicht/möglicherweise aber auch nicht unvorstellbar reich sein werden, ein Sammler(alp-)traum von einem Schilderwald, das älteste Casino Kanadas mit sportlichen Cancan Tanzshows, die es in sich haben und eine Schnitzeljagd nach einem Goldnugget, die auch bei uns das Goldfieber auslösen könnte. Aber kein Reiseführer dieser Welt konnte uns darauf vorbereiten, daß wir schon bald im Yukon zwei Herzensfreundinnen fürs Leben finden sollten!

Der Weg in den Norden

Bereits die Fahrt von British Columbia in den Yukon lädt zu abenteurlichen Begegnungen ein. So kann man zu dieser Jahreszeit mit ein wenig Glück zum Beispiel eine Bisonherde beobachten, welche die grünen Schneisen des Highways 97 zum Grasen nutzt und entlang des Highways durch Kanada wandert (was wahrscheinlich auch für Bisons unbeschwerlicher ist, als durchs Unterholz zu stolpern).

Schließlich erreichen wir nach einigen Tag Fahrt den Yukon.

Einer der erste Orte, die man auf seiner Reise in den Yukon durchquert ist Watson Lake. Den Ort fanden wir selbst nicht sonderlich spannend, aber am Ortseingang trifft man auf den unübersehbaren kuriosen Sign Post Forest. So etwas kann keinen gesund denkenden Menschen kalt lassen und darum schlendern wir, uns etwas gruselnd, durch den Schilderwald und suchen uns bekannte Ortsschilder und Autokennzeichen.

Wir lassen uns anschliessend im Visitor Center gut über unsere bevorstehende Reise beraten und erfahren, daß wir zudem bei unseren Erkundungsfahrten durch den Yukon an einer Art Rally teilnehmen können. Hierbei gilt es, bestimmte sehenswürdige Orte, Museen oder Interpretive Center zu besuchen und sich den Besuch in einem Heftchen abstempeln zu lassen. Schafft man es mehr als 10 oder sogar 20 Orte zu besuchen, kann man am Ende des Monats ein Goldklunkerchen gewinnen… #goldfieber 😋 Schließlich begeben wir uns gerade in das Epizentrum eines der größten und bis heute andauernden Goldrauschs der letzten Jahrhunderte! Um es gleich vorwegzunehmen, wir haben am Ende kein Gold gewonnen, aber unsere Erfahrungen und Erinnerungen, die wir in den folgenden Wochen machen sollten, sind sowieso nicht in Gold aufzuwiegen…

Unterwegs

Wir werden nicht erfahren, wieviele Unfälle es im Yukon bereits gegeben hat, nur weil diese abwechslungsreiche und betörende Landschaft Kutscher und Autofahrer in Meditation versetzt hat. Es gab Momente beim Fahren, da musste ich mir laut sagen: „Guck auf die Straße, Jonas“. Ein Gefühl von Winzigkeit und Demut ereilte uns zwangsläufig bei diesen einschüchternden Weiten. Wir konnten schier endlose waldbewachsene und unberührte Bergketten bis zum Horizont sehen, durchschnitten von Flüssen mit eiskaltem Wasser und dazwischen unzählige Tümpel und spiegelglatte Seen. Man ahnt, daß es abseits des Highways in diesen Bergen und Tälern keine Straßen und keine Häuser gibt oder jemals gegeben hat. Dort leben Tiere und Pflanzen und es herrscht die Natur, wie sie es seit eh und je getan hat. Egal wie gut die Kamera ist, Fotos erlauben uns, hier nur wie durch ein Schlüsselloch einen Blick auf die Natur zu geben.

Twin Lakes am Klondike Highway

Wir übernachten übrigens oft irgendwo in der Nähe des Highways meistens mitten in der Natur. Nicht selten finden wir über kleine Feldwege traumhafte Plätze wie diesen hier, wo wir morgens mutterseelenallein an einem See oder im Wald aufwachen und uns mit einem Kaffee auf den Tag vorbereiten.

Übernachtung am Crag Lake – Tagish Rd

Unsere Fotos sollen aber nicht den Eindruck erwecken, wir hätten auf unserer Reise nur sonniges Wetter gehabt. Im Gegenteil, wir sind zu diesem Zeitpunkt bereits durch einen beunruhigenden nächtlichen Schneesturm gefahren und haben auch schon tagelang ununterbrochen Regen hinter uns. Aber selbst, wenn es trübe und neblig ist, heißt das nicht, daß uns beim Fahren langweilig wird.

Eigentlich hatte man sich gemeinsam auf die rechte Seite verständigt, nur David blieb unschlüssig…

Hier und da ließen sich auch mal ein Moose, ein Bär oder Geweihtierchen erblicken, die friedlich am Wegesrand nach Knabbereien suchen und sich von uns staunenden Reisenden meistens nicht sonderlich beeindrucken lassen.

Obwohl… wir machten auch einmal eine sehr schlechte Erfahrung mit einem anderen Reisenden und einem Bären am Straßenrand. Der andere Reisende, welcher mit seinem Auto hinter uns anhielt, um auch diesen Bären zu beobachten, hat eine Bratwurst nach dem Tier geworfen, um ihn etwas näher an sein Auto heranzulocken 😣. Das war wirklich traurig. Zum einen hat er den Bären mit der Wurst getroffen, woraufhin sich dieser mordsmäßig erschrocken hat und in den Wald geflüchtet ist. Zum Anderen, haben wir auf unserer Reise auf so gut wie jedem öffentlichen Parkplatz und in jedem Besucherzentrum immer und immer wieder gelernt, daß menschliches Essen für Bären ein mittelfristiges Todesurteil bedeutet. Es ist ganz einfach, hat sich ein Bär erst einmal an menschliche Nahrung gewöhnt, hätte er gerne mehr davon. Es kann sein, daß er die Scheu vor Menschen verliert, zudringlich wird und möglicherweise auch aggresiv diese tolle Nahrung einfordert. Meistens werden diese Bären dann von Rangern erschossen, da sie von nun an eine große Gefahr für herumstreunende Menschen darstellen, welche der Bär normalerweise gemieden hätte. Don’t feed the wildlife… idiot!

So gut wie jeden Tag machen wir auf unserer Tour durch den Yukon kleine und größere Wanderungen durch die Wälder und Berge und wir werden fast immer mit spektakulären Aussichten aber immer müden Beinen belohnt. Es gibt außerdem eine bemerkenswerte Pflanzen- und Tierwelt, die mich beim Wandern oft hat zurückfallen lassen, weil ich von dem Pilz und von der Blüte und vom Licht im Wald und von den schnuffigen Streifenhörnchen noch hunderte Fotos machen musste. Es gibt hier auch tolle Vögel, aber es ist mir leider nur sehr selten gelungen, von diesen scheuen Tieren ein Foto zu machen.

Mir doch egal, ob ich auf einem Stein wachse… Flechten sind meine Freunde!

Apropos, Flechten… Irgendwie faszinierend, je näher man sie betrachtet.

Zu dieser wurde es auch langsam Herbst und die Wäldern fingen langsam an sich zu verfärben.

Isa ist übrigens sehr gut darin, sich vor einer Reise in eine bestimmte Gegend zu informieren, was da auf uns zukommt. Ich hingegen bin plötzlich an einem interessanten Ort und denke „huch, was ist das denn??“ So geschah es auch zum Beispiel, daß wir, zu meiner Überraschung, auf unserer Fahrt von Carcross nach Whitehorse plötzlich mitten in einer Sandwüste standen. Diese Wüste ist angeblich durch mysteriöse Gletscheraktivitäten vor tausenden von Jahren entstanden und wandert dort bis heute etwas fehl am Platz wirkend herum.

Eine Begegnung

Irgendwo auf unserer Fahrt von Carcross nach Whitehorse sagt Isa, während sie fährt, plötzlich „Jonas guck!“, ich gucke und sehe fast nur noch aus dem Augenwinkel auf einem Parkplatz am rechten Straßenrand zwei Frauen, eine in einem roten Bademantel, die andere in einem roten Ganzkörperanzug. Reflexartig reagiere ich auf diese skurrile Szene mit einem Daumenhoch, die Mädels winken uns noch fröhlich zu, schwupps sind wir auch schon vorbeigefahren.

Während ich noch überlege, was wir da eigentlich gerade gesehen haben, fragt mich Isa ernst: „JONAS, willst Du umdrehen?“. Das wollte ich wohl und unser folgendes Wendemanöver sollte von diesem Moment an auch in unser beider Leben einen erinnerungswürdigen Wendepunkt darstellen. Wir rollen zurück bis zu jenem Parkplatz. Dort stehen jetzt zwei recht kritisch dreinschauende Frauen in rotem Bademantel und rotem Onesie mit verschränkten Armen, die sich offensichtlich fragen, was sie davon halten sollen, daß ein potentieller Kidnapping-Van, aus dem ihnen eben noch ein möglicherweise kranker Irrer ein Daumenhoch gezeigt hat, jetzt zu ihnen umgedreht ist. Mit gedämpfter Freude sehen sie mich aussteigen, mit riesiger Freude sehen sie Isabell aussteigen. Sie begrüßen uns herzlich und laut lachend mit der Feststellung, daß, wenn wir jetzt zwei Kerle gewesen wären, sie uns augenblicklich gekillt hätten. So aber fallen wir uns alle vier in die Arme, als ob wir uns schon unser Leben lang gekannt und geliebt hätten; die beiden drücken uns ein Bier in die Hand, wir holen unsere letzten Bierdosen aus dem Kühlschrank und wir verbringen den Rest des Abends glückselig auf jenem Parkplatz, an dem alles begann, bis es uns zu kalt wird.

Wir verabreden uns für den nächsten Tag im 98 Hotel in Whitehorse, um unsere neue Freundschaft noch einmal bei Tageslicht zu begutachten und würdigst weiterzufeiern. Das 98 Hotel ist ein beachtenswerter Ort und wir treffen dort auf eine lustige Mischung aus einheimischen Menschen. Wir bekommen von Becky und Harmony eine Führung in die etwas versteckten Räumchen hinter der Bühne, die das ‚Hotel‘ in 98 Hotel begründen. Während wir dann zusammen mit einigen anderen Freunden von Harmony und Becky rumsitzen und Bier trinken (was von jetzt an eigentlich immer unisono für uns vier gilt), kommt ein auffälliger Mensch mit einem auffälligen Hut in die Bar. Becky winkt ihn an unseren Tisch, man kennt sich hier*. Es stellt sich bald heraus, daß er der Haus- und Hoffotograf des 98 Hotel ist, sollten in diesem Etablissement Tanzveranstaltungen stattfinden. Bereits am Vorabend erfuhren wir, daß unsere beiden neuen Freundinnen unter Anderem auch Tänzerinnen sind. Wir drehten eine weitere Runde durch die Bar um festzustellen, daß wir die beiden auf so gut wie allen Fotos an den Wänden wiederfinden können. Isa stellt nun aber scharfsinnigerweise fest, daß der Hut des Fotografen allerdings ein besonderer Hut ist und wir lernen alle aus erster Hand, daß das sein Hochzeitshut ist. Die zu diesem Hut dazugehörige Hochzeit solle nächstes Wochenende in Dawson City stattfinden. Kurzerhand werden wir vier zu seiner Hochzeit eingeladen! Whitehorse <-> Dawson City, etwas mehr als 500 Kilometer… für eine Hochzeit eines uns bis dato unbekannten Menschen mit auffälligem Hut: kann man machen. Insbesondere wenn man noch ein paar Tage Zeit hat, in Ruhe hochzufahren. Auf unsere Frage hin, was wir mitbringen sollen und was wir anziehen sollten, war seine Antwort in etwa folgendermaßen: „I want you to come to the party, I want you to eat and to heavily drink, I want you to fucking dance and I want you to have as fucking much fun as fucking possible!“. Harmony und Becky nicken uns ernst zu, daß er das auch genauso meint. Darauf ein ernstes ‚Prost‘ im 98 Hotel

Es ist eine in mehrerer Hinsicht wundervolle Begegnung für uns. Zum einen ist es eine wirklich nur noch schwer zu fassende Verkettung von Umständen, die Isa und mich zusammen mit unseren neuen Freundinnen zu einer Einladung zu einer Hochzeit an einem der nördlichsten Zipfel der Welt geführt hat. Zum anderen, während Becky und Harmony überlegen, wie sie es zeitlich ermöglichen können, auch bei der Hochzeit dabei zu sein, erfahren wir, daß es in Dawson City übrigens das älteste Casino Kanadas gibt, in welchem auch immer noch regelmäßig Cancan Tanzshows aufgeführt werden: das Diamond Tooth Gerties. Becky, selber mal professionelle Cancan Tänzerin gewesen, schlägt also kurzerhand vor, daß wir uns alle dort oben treffen, zusammen zu einer Cancan Show und anschließend zur Hochzeit gehen.

Fortsetzung folgt…

* Es sollte an dieser Stelle angemerkt werden, daß im Yukon etwa 38 tausend Menschen auf einer Landfläche leben, die 1,3 mal größer als Deutschland ist. Sehr unterhaltsam ist hierbei auch die Verteilung der Menschen auf die Städte, denn von den 38 tausend leben alleine etwa 25 tausend in Whitehorse, guck auch Wikipedia. Das kann man sich so vorstellen, als ob man ein völlig leeres Deutschland mit den Einwohnern von Eschwege besiedelt. Don’t drink and drive… aber zwischen Köln und Berlin wird nicht kontrolliert, ok?

2 Antworten auf „JONAS! Willst Du umdrehen? – Ein Liebesbrief an den Yukon“

  1. Samstag Morgen in einem Leipziger Bett… Wir lesen euren Reisebericht und freuen uns an den schönen Bilder. Vielen Dank dafür.
    Den Hochzeitshut würden wir gern auch noch sehen.

    Ganz lieben Gruß nach Kanada,

    Julia

  2. Huhu Ihr Zwei! Klingt ja toll, was ihr so treibt auf der Reise! Jonas, vor einem Jahr hast du mit mir Tapete von der Wand gerissen… ich fand neulich die Beweisfotos! Lasst es euch gut gehen! 😚

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